Evangelisches Familienzentrum Mülfort: Haus der Begegnung
Das Evangelische Familienzentrum Mülfort in Mönchengladbach ist ein zweigruppiges Familienzentrum mit insgesamt 45 betreuten Kindern aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen. Trotz oder gerade wegen seiner überschaubaren Größe hat sich das Zentrum als Modell für sozialraumorientierte Familienarbeit etabliert. Im Mittelpunkt steht eine gelebte Haltung der Partizipation und des gegenseitigen Vertrauens. Unter dem Leitmotiv „Mit Familien Hand in Hand“ versteht sich die Einrichtung als Ort der Begegnung, Unterstützung und Teilhabe für Familien in unterschiedlichsten Lebenslagen.
Haltung und pädagogische Grundprinzipien
Die Arbeit des Familienzentrums Mülfort folgt einem ganzheitlichen Ansatz, der soziale, emotionale und kulturelle Dimensionen des Familienlebens gleichermaßen berücksichtigt. Die pädagogische Haltung basiert auf Wertschätzung, Niedrigschwelligkeit und einer konsequent lebensweltorientierten Ausrichtung.
Alltägliche Angebote wie das offene Elterncafé, der „Coffee to go“ für Bezugspersonen oder kleine „Wellness-to-go“-Momente dienen nicht nur der Entlastung, sondern fördern systematisch Vertrauen. Diese Beziehungsarbeit ist die Grundlage für eine tragfähige Erziehungspartnerschaft und ermöglicht frühzeitige Prävention und Unterstützung.
Projekt „Wunschwagen“
Ein herausragendes Beispiel für gelebte Sozialraumarbeit ist das Projekt „Wunschwagen“. Ein alter Bauwagen wurde instandgesetzt und dient seither als sichtbares Symbol gelebter Solidarität. Menschen mit Unterstützungsbedarf können dort anonym oder persönlich ihre Wünsche äußern – von Lebensmitteln über Kleidung und Möbel bis hin zu Tiernahrung.
Durch gezielte Spendenaufrufe über soziale Medien, in der Gemeinde und mit den Kooperationsnetzwerken werden Bedarfe unbürokratisch gedeckt. Dabei ist ein bemerkenswerter sozialer Effekt zu beobachten: Die ursprünglich geplante Anonymität wird zunehmend durch persönliche Begegnung ersetzt. Menschen kommen ins Zentrum, erzählen ihre Geschichten und treten in Kontakt – aus einer Hilfebeziehung wird ein Beziehungsangebot.
Die Mitarbeitenden greifen diese Kontaktmomente auf, um über Kooperationspartner (z. B. Familientherapeut*innen, Krankenkassen, etc.) weiterführende Unterstützung zu vermitteln. Damit wirkt der Wunschwagen an der Schnittstelle von materieller Hilfe, psychosozialer Begleitung und Netzwerkaktivierung und stärkt die Selbstwirksamkeit der Betroffenen.
Projekt „Trauerkoffer“
Ein weiteres zentrales Projekt ist der „Trauerkoffer“, der sich an Kinder und Familien richtet, die einen Verlust erlitten haben. Der Koffer enthält Materialien zur Trauerbewältigung (z. B. kindgerechte Bücher, Kerzen, Schutzengel) und wird an Familien ausgeliehen, die eine niedrigschwellige Unterstützung in einer Trauerphase suchen.
Darüber hinaus begleitet das Team Familien auch auf Beerdigungen, um Kinder angemessen zu stützen und Eltern die Möglichkeit zu eröffnen, selbst zu trauern. Der Trauerkoffer steht exemplarisch für den resilienzfördernden Ansatz des Zentrums: Er macht das Thema Tod und Verlust ansprechbar, reduziert Tabus und schafft neue Formen von Fürsorge und Nähe.
Vernetzung, Inklusion und interkulturelle Öffnung
Das Evangelische Familienzentrum Mülfort versteht sich als interkultureller Begegnungsraum. Miteinander gestaltete Feste wie ein internationales Dinner oder das gemeinsame Feiern des Bayram-Festes zeigen, dass konfessionelle Bindung und kulturelle Offenheit kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig bereichern können.
Durch die intensive Kooperation mit Akteur*innen im Sozialraum entsteht ein tragfähiges Netzwerk, das Familien in ihrer Vielfalt stärkt. Die Einrichtung zeigt, wie Inklusion, Partizipation und Spiritualität in einer modernen Familienarbeit sinnvoll miteinander verbunden werden können.
Fazit – „Anders sein“ als Qualitätsmerkmal
Das Evangelische Familienzentrum Mülfort steht beispielhaft für eine Haltung, die Familienarbeit nicht als Dienstleistung, sondern als Beziehungs- und Gemeinschaftsarbeit versteht und so mit den Familien eine Erziehungspartnerschaft eingeht und lebt. Der kreative Umgang mit sozialen Herausforderungen, die konsequente Niedrigschwelligkeit und die authentische Verbindung von Empathie und Professionalität machen das Zentrum zu einem Best-Practice-Beispiel im Landesprogramm Familienzentrum NRW
Weitere Informationen zum evangelischen Familienzentrum Mülfort finden Sie hier auf der Website .